Jakob Koschel
Lehrer am Jülicher Gymnasium
von Dr. Peter Nieveler
Die Festschrift zum fünfzigsten Abitur des Jülicher Gymnasiums aus dem Jahre 1955 beginnt mit den Grußworten von Bürgermeister, Stadtdirektor und Schulleiter. Dann folgt ein »Grußwort des ältesten Lehrers des Jülicher Gymnasiums«. Unterzeichnet ist es folgendermaßen: “Aachen, im Juli 1955. Professor Dr. Josef Koschel, Domkapitular, Päpstlicher Hausprälat.” Der Vorname ist ein Druckfehler – vielleicht weil den Herausgebern der Festschrift von 1955 der Name Koschel kaum noch etwas sagte. Er war in diesem Jahr ja auch schon einundachtzig Jahre alt. Sechs Jahre später – am 21. Juli 1961 – stirbt er. Mehr als fünfhundert Todesanzeigen schickt das Domkapitel Aachen, dem er seit 1928 als Stiftsherr und seit 1931 als Domkapitular angehörte, an Einzelpersönlichkeiten und Institutionen, was das Ansehen Koschels in Aachen und Umgebung deutlich macht.

Fotos aus der Fotosammlung des Bischöflichen Diözesanarchivs Aachen
Er wurde als siebtes von zehn Kindern in die Familie eines Sattlers geboren. In Köln macht er sein Abitur und wird 1899 vom Kölner Weihbischof Antonius Fischer zum Priester geweiht. Als Fischer Erzbischof von Köln und Kardinal geworden ist, schickt er den ihm lieb gewordenen Jakob Koschel im Jahre 1904 als Religions- und Hebräischlehrer an das Gymnasium seiner Heimatstadt Jülich, das kurz vor der Abnahme seiner ersten Abiturprüfung steht. Es beginnt für den noch jungen Geistlichen die Zeit, die er fünf Jahrzehnte später im oben genannten Grußwort als “den wichtigsten Abschnitt (seines) langen Lebens” bezeichnen wird. 1911 promoviert er in Würzburg mit einer Arbeit über »Das Lebensprinzip. Ein historischer und systema-tischer Beitrag zur Naturphilosophie.« zum Dr. phil. 1913 erhält er die Amtsbezeichnung (Studien-) Professor, und als solcher bleibt er bis 1928 in Jülich. Wahrscheinlich schon in der Voraussicht, dass in Aachen bald eine neue Diözese eingerichtet wird, und dort gute Leute nötig sind, wird Koschel dann zum Aachener Domstift geschickt, wo er nach Gründung des Bistums Aachen vom Stiftsherren ohne diözesane Befugnisse zum Domkapitular, einem Mitglied des den Bischof unterstützenden Domkapitels, wird. Bald schon wird Koschel wohl wegen seiner Jülicher Erfahrungen Diözesan-Schulreferent, und seit 1932 arbeitet er als Professor am Priesterseminar in Aachen. Wegen seiner persönlichen Verdienste wird ihm 1942 vom Papst der Ehrentitel »Päpstlicher Hausprälat« verliehen.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt die katholische Kirche vor allem in Deutschland einen deutlichen Aufschwung. Sie setzt sich ernsthaft mit der Naturwissenschaft auseinander, wie es im Titel der Doktorarbeit Koschels zu sehen ist; Theologie und Philosophie werden in wissenschaftlichen Vorträgen unter das Volk gebracht, und auch der Kirchenbau erlebt eine schon lange nicht mehr gekannte Blüte moderner Baukunst, in der die Gemeinde um den Altar geschart wird und Christi Opfer zentraler Mittelpunkt dieser Gemeinde ist. Rudolf Schwarz in Aachen und Dominikus Böhm in Köln sind die Architekten dieser neuen Kirchenbaukultur. Grundlage solch neuen Denkens ist die so genannte Liturgiebewegung, die im Deutschland der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts Fuß fasst, im Zweiten Weltkrieg zurückgedrängt wird, sich dann aber in der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils 1962 bis 1965 endgültig durchsetzt.
Koschel gehört in Jülich zu den Vertretern dieser neuen Bewegung. Er war Mitinitiatator und Mitorganisator des in Jülich im September 1920 stattfindenden Jülicher Kreiskatholikentages, zu dessen Arbeitausschuss neben ihm und vielen anderen auch die bekannten Jülicher Adolf und Peter Fischer gehörten sowie der von 1913 bis 1921 in Jülich am Mädchengymnasium als Rektor tätige Alexander Gabriel, der von Jülich aus zum »Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken« in Paderborn wechselte und 1941 bis 1962 dessen geschäftsführender Vizepräsident war. Das Bonifatiuswerk entstand 1849 und hat bis heute als Ziel die Unterstützung der Katholiken in der Diaspora. Gabriel und Koschel suchten nach neuen Lebenselexieren für die Kirche.

Jülicher Kreisblatt 16. November 1920

Jülicher Kreisblatt 14. Dezember 1920
Nach dem Katholikentag, der dieses neue Leben erwecken sollte, gründete Koschel am 18. Novem-ber 1920 im Gasthaus Lürken, der heutigen Alten Post, in Jülich in der Baierstraße die »Vereinigung zur Pflege der katholischen Weltanschauung«. Ihr traten gleich fünfzig Mitglieder bei. In Jülich können das nicht alles Akademiker gewesen sein, für die der Verein eigentlich gedacht war und für die Vor-tragsveranstaltungen durchgeführt werden sollten. Als Koschel seine »Katholische Vereinigung« auf den Kreis Jülich ausdehnte, hatten sie bald schon 150 Mitglieder. Ähnliche Vortrags-Veranstaltungen hatte es in Jülich schon im letzten Jahr des 1. Weltkrieges gegeben, als der in der Kirchener-neuerung dieser Jahrzehnte bekannte, 1883 ge-borene Jesuit Friedrich Muckermann in Jülich drei Vorträge über die Entstehung des Lebens und des Menschen hielt – sicher ein Versuch, die Katholiken mit Mitteln der Wissenschaft einer neuen Zeit entgegenzuführen.
Zum vorbereitenden Ausschuss dieser Vorträge hatte Koschel auch schon gehört. Nun suchte er seinen ersten Referenten und fand ihn in dem Jesuitenpater Augustin Bea aus Valkenburg in Holland mit dem Vortrag »Die Gottesidee in der vergleichenden Religionsforschung«.
Der 1881 geborene Bea, dem die Einheit der Christen zeit seines Lebens am Herzen lag, war von 1945 bis 1958 Beichtvater Papst Pius XII., wurde von Johannes dem XXIII.1959 in das Kardinalskolle-gium berufen, war seit 1964 Mitglied in der römischen Kommission für die Durchführung der Liturgiereform und seit 1960 Präsident des »Sekretariats für die Förderung der Einheit der Christen« bei der Kurie in Rom. Er starb 1968. Koschel hatte also mit der Wahl dieses Referenten eine weit in die Zukunft schauende Entscheidung getroffen. Zu seinem Silbernen Priesterjubiläum 1925 wurde auch seine Arbeit in der Katholischen Vereinigung besonders gewürdigt. Als er 1928 nach Aachen ging und die Arbeit der Vereinigung in die Hände des zwar gerade aus dem Dienst geschiedenen, aber mit politischen und sonstigen Vereinsaufgaben überlasteten Gymnasialdirektors Dr. Anton Kreuser übergab, hatte die Vereinigung in Jülich keine wirkliche Zukunft mehr.
Quellen und Literaturhinweise
Stadtarchiv Jülich Zeitungen
Bischöfliches Diözesanarchiv Aachen Foto und Totenzettel
Barbara Kahle, Rheinische Kirchen des 20. Jahrhunderts, Ein Beitrag zum Kirchenbauschaffen zwischen Tradition und Moderne, Hg. Landeskonservator Rheinland, Arbeitsheft 39, Pulheim 1985
Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Auflage, Bd. 3, 1995, Spalte326 unter dem Begriff “Domkapitel”
Günter Bers, Die »Vereinigung zur Pflege der katholischen Weltanschauung« in Jülich im ersten Jahr ihre Bestehens (1920/21), Neue Beiträge zur Jülicher Geschichte, Bd.XI, 2000, S.131
Michael Klöcker, Vorbereitung und Verlauf des Jülicher Katholikentages vom 26-27.September 1920: Dokumentation der Berichterstattung im Jülicher Kreisblatt, in: Katholikentage im Erzbistum Köln 1919/20 mit besonderer Berücksichtigung des Kreises Jülich, Forum Jülicher Geschichte, Bd.25, 2002, Joseph-Kuhl-Gesellschaft Jülich, S. 299



