Peter Joachim Reichard

Schulleiter von 1990 – 2007

von Wolfgang Gunia

Peter Joachim Reichard (re.) im Kreis seiner Vorgänger Heinz Tichlers (li.) und Dr. Heinz Renn

Es gibt gewiss Persönlichkeiten, über die es einfacher ist, einen Beitrag zu schrei­ben als über Peter Joachim Reichard, weil es viele Zeitzeugen gibt, die ihn un­terschiedlich erlebt haben und sehen.

Aber gehen wir, wie es sich gehört, chronologisch vor:
Peter Joachim Reichard wäre nach der politischen Landkarte der Gegenwart von Hause aus eigentlich Niedersachse -bis Kriegsende gehörte das zu Preußen -, denn er wurde am 19. Mai 1942 in Helmstedt geboren und ging dort in den ersten Jahren zur Schule. 1951 zog seine Mutter, der Vater wurde 1942 in Stalingrad vermisst, mit ihrem Sohn nach Köln. Hier besuchte Peter Joachim den altsprachlichen Zweig des Gymnasiums Köln Nippes (heute: Leonardo-da-Vinci-Gymnasium), lernte also La­tein und Griechisch und bestand im März 1962 das Abitur.


Das Rheinland ver­ließ er bis zu seinem Ruhestand, den er im Odenwald ver­bringt, von einem Studienaufenthalt in Freiburg abgesehen, nicht mehr. Er stu­dierte in Köln und Bonn und legte dort sein 1. Staatsexamen ab. Seine Studien­fächer waren Phy­sik, ein Fach, schon in der Schulzeit sein Lieblingsfach, und Mathematik. In Physik schrieb er auch seine erste Staatsarbeit, die mit Auszeichnung be­wertet wurde. Für ein lockeres Studen­tenleben fehlte dem Halbwaisen, der von 300 Mark im Monat alles bestreiten musste, das Geld. Er selbst schreibt: „Eine Flasche billigen Rotweins musste für den ganzen Monat reichen“.

Auch als Studienreferendar blieb er im Kölner Raum, nämlich in Bergheim und Hürth. Dann aber verschlug es ihn – für einen Kölner natürlich ein Schock – direkt nach dem Assessorexamen an das Schulkollegium nach Düsseldorf. Dort wirkte er vier Jahre (1971-1975) als Hilfsdezernent im Fachbereich Physik und kümmerte sich um Fortbildung, Prüfung von Abiturvorschlägen, Notenanfechtungen sowie Beru­fung und Betreuung von Bezirksbeauftragten für die Fächer Physik, Mathematik, Biologie und Chemie.

Seit 1975 wirkte er als „richtiger“ Lehrer, und zwar elf Jahre am Erich-Kästner- Gym­nasium, wieder in Köln (1975- 1986). Hier war er aktiv als Lehrer, Ausbildungsmo­derator und Studiendirektor mit der Fachbereichszuständigkeit Naturwissenschaften. Wichtig für die Zukunft war, dass er hier mit den gerade auf dem Markt erschienenen Rechnern in Verbindung kam, sehr bald die Möglichkeiten für ihren Einsatz im Un­terricht erfasste, an Fortbildungsveranstaltungen im Fach Informatik teilnahm und bald selbst solche Maßnahmen leitete. Nebenbei suchte er erfolgreich Sponsoren für die damals noch sehr teuren Rechner, was er später auch in Jülich mit großem Efolg praktizieren sollte.

1986 winkte wieder eine Tätigkeit im Bereich der Schulverwaltung, eine Tätigkeit, die auch mit einer Beförderung verbunden war. Er bewarb sich auf Grund seiner Erfahrungen mit der Informatik erfolgreich um die Stelle als Fachdezernent für In­formatik beim Regierungspräsidenten in Köln. Hier sieht man, wie weit man es auch als Autodidakt bringen kann. Studiendirektor Reichard wurde bald ein LRSD. also „Leitender Regierungsschuldirektor“. Allerdings machte in seiner neuen Stellung, wie er selbst schreibt, die Fachkompetenz dieses Dezernates nur fünf Prozent seiner Tätigkeit aus. Alles andere waren Schulaufsicht, Hospitationen, Beurteilungen, Ver­setzungen, Dienstbesprechungen mit Schulleitern usw.

Schulleiter des Gymnasiums Zitadelle der Stadt Jülich

Was ihn bewog, sich nach fünf Jahren im Dienste des Regierungspräsidenten um die Nachfolge von Heinz Tichlers am Gymnasium Zitadelle zu bewerben, bleibt etwas vage. Er selbst schreibt, dass er die Tätigkeit in der Schulverwaltung auf Dauer nicht als wirklich befriedigend empfun­den habe. Irgendwo soll da auch sein Jugendwunsch, Schulleiter und Schlossherr zu werden, eine Rolle gespielt haben [1]. Der Verfas­ser vermutet, dass es ihn schon mehr reizte, selbst an der Spitze zu stehen als in einer großen Ver­waltung einer von vielen zu sein. Eine Beförderung war mit dem Wechsel nach Jülich nicht ver­bunden. Er selbst betrachtet seine langjährige Tätigkeit in der Ver­waltung – im Schulkollegium und beim Regierungspräsidenten – als eine gute Voraussetzung für die Leitung einer Schule. Gerade weil er auf diese Weise gründliche Kenntnisse im Schulrecht erwarb, die Abläufe und Verfahren in der Verwaltung bestens kannte, fühl­te er sich gut gerüstet, sich notfalls auch mal mit der vorgesetzten Be­hörde anzulegen und sie mit eige­nen Waffen zu bekämpfen [2].

Also bewarb er sich 1990 um die Schulleiterstelle und hatte, ausgestattet mit besten Beurteilungen und bereits Inhaber einer A-16 Stelle, gute Chancen, gewählt zu wer­den. Wichtig war ihm, dass er keiner Partei angehörte, zumal er allen Parteien gegen­ über sehr kritisch gegenüber stand und steht [3]. Im Schulausschuss stellten sich er und ein Mitbewerber vor. In geheimer Wahl wurde er anschließend in nichtöffentlicher Sitzung am 26. 11. 1990 mit Mehrheit gewählt [4].

Am 1. Februar 1991 trat er in Jülich seinen Dienst an, übte dieses Amt nahezu 16 Jahre aus und erreichte damit

Im lockeren Outfit beim Lehrerausflug

nach Dr. Anton Kreuser die zweitlängste Amtszeit als Schulleiter am Jülicher Gymnasium seit 1905. Sollte der damals knapp fünfzig­jährige, frisch gebackene Schulleiter er­wartet haben, einen ruhigen Posten in der Provinz zu bekleiden, irrte er sich gewaltig. Aber das hat er auch nicht er­wartet, denn ihm war mit Sicherheit klar, dass, wer mit eigenen Ideen, bestimmten Vorstellungen, wie Schule zu sein habe, solch einen Posten übernimmt, nicht von vornherein mit ungeteilter Begeisterung aller rechnen darf.

Da er zudem keineswegs konfliktscheu war und es im Interesse seiner Schule mit jedem aufnahm und deutlich seine Position vertrat, kämpfte er bald an vie­len Fronten. Der zu seiner Verabschie­dung von Karl Stüber, dem Redakti­onschef der Jülicher Zeitung, verfasste Beitrag „Abschied eines Querkopfes“ ist zugleich Charakterisierung und Aner­kennung. Da ist von einem „hochintelli­genten Querkopf“ und von Streitlust die Rede, die der Presse reichlich Stoff ge­liefert habe für Glossen, und von einem Mann, der nie Zweifel an seiner Meinung und Sicht der Dinge gelassen habe[5]. Wenn die Presse nicht genügend über die Schule berichtete, ließ er sie das spüren. Fehlende Presseberichte über Abiturentlassungsfeiern bei gleichzeitig ausführlichen Berichten über Kaninchenzüchter erregten seinen Unmut [6].

Warum war seine lange Amtszeit keineswegs immer konfliktfrei?

Der neue Schulleiter brachte klare Vorstellungen mit, wie „ seine“ Schule einge­richtet, ausgestattet und welchen Zielen und Ansprüchen sie verpflichtet sein sollte. „Das Gymnasium Zitadelle ist das Gymnasium der Stadt Jülich“ [7], hörte man oft von ihm. Sachlich ist der Satz korrekt, denn die Stadt ist Schulträger. Betont man aber den bestimmten Artikel d a s, klingt der Satz anders und macht einen Anspruch auch gegenüber den beiden anderen Gymnasien in Jülich deutlich. Oft hörte man von ihm auch „Schule ist mehr als Unterricht“. Hier wird deutlich, dass es ihm in der Schule sehr stark um Erziehung ging, nicht allein um Wissensvermittlung [8]. Erziehung ist für ihn ein bewusstseinsbildender Prozess, in dem es um die Vermittlung von Haltungen und Einstellungen geht, wie z.B. gegenseitige Rücksichtnahme. „Ich habe – ausgehend vom kategorischen Imperativ Kants – dafür (für Bildung) eine ganz einfache Formu­lierung gefunden: Nimm Rücksicht“ [9]. Diesem Ziel dienten auch die jährlich von ihm ausgegebenen Mottos wie „einander achten“, Höflichkeit und Fleiß. Als Reaktion auf die schlechte Stellung des deutschen Schulsystems im internationalen Vergleich betonte Reichard nachdrücklich die Bedeutung des Fleißes. „Wer faul ist, darf nicht hoffen, dass die Gemeinschaft sich für ihn anstrengt.“ Dass solche Aussagen bei den Schülern nicht auf ungeteilte Begeisterung stießen, liegt nahe. Diese Mottos sollten für die Schule insgesamt als Leitlinien dienen. Inwieweit sich auf diese Weise etwas am realen Verhalten von Schülern und Lehrern änderte, lässt sich nicht ermitteln, aber dass diese Tugenden wichtig und wertvoll sind, wird kaum jemand bestreiten.

Ihm war das Gymnasium allgemein zu kopflastig und es vernachlässigte die Bildung des Gemüts der Schüler [10]. Deswegen gehört zu seinen Zielen, das Gemüt der Schüler zu kultivieren. Natürlich forderte er auch Leistung. Sein oft gehörter Spruch „Unter­richt ist das Kostbarste, was Schule zu bieten hat“, führte in der Praxis dazu, dass er Unterrichtsausfall möglichst vermied. Unterrichtsbefreiung als Belohnung lehnte er strikt ab, ausgefallener Unterricht sollte möglichst nachgeholt werden. Dass dies nicht alle Schüler erfreute, wird kaum überraschen. Dass Erziehung für alle Betei­ligten kein bequemer Prozess ist, war ihm klar, auch dass es ohne Sanktionen nicht gehen würde. Ein von ihm praktiziertes Verfahren war die „erweiterte Wiedergut­machung“ als eine pädagogisch sinnvolle Form der Strafe. Vereinfacht heißt das: Wer einen Tisch beschmiert, hat im Rahmen der erweiterten Wiedergutmachung mehrere Tische zu reinigen [11].

Information für alle – Kontaktpflege zu vielen

Erklärtes Ziel war es, Eltern, Schüler und Lehrer über alle die Schule betreffenden Ereignisse und Vorgänge zu informieren und mit ihnen in einen Meinungsaustausch zu treten. Deswegen entwickelte er das Projekt regelmäßig erscheinender Schulnach­richten, die an alle Schüler und Eltern verteilt, auf Wunsch auch an Ehemalige ver­sandt werden und natürlich auf der Homepage der Schule erscheinen [12]. Diese Hefte, 1991 erschien die erste Ausgabe, inzwischen sind es über 120, haben sich unter der Redaktion von Pedro Obiera bestens entwickelt und behalten ihren festen Platz auch nach dem Ausscheiden von Reichard aus dem Schuldienst. Sie bilden eine wichtige Quelle für jeden Schulchronisten.

Auch ein Kind des Schulleiters war die Schulchronik. Mit ihrer Pflege beauftragte er die Sekretärin Erna Goebbels, die alle Publikationen, in denen das Gymnasium auftauchte, akribisch zusammenstellte und in zahlreichen Ordnern aufbewahrte.

“Wir haben die schönste Schule Deutschlands!” Das schrieb ein Schüler dem damaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker in einem persönlichen Brief, verbunden mit der Einladung, doch einmal unser Gymnasium zu besuchen. Der nahm die Anregung auf und landete bei nächster Gelegenheit mit einem Hubschrauber auf dem Zitadellengelände. Dabei interessierte er sich nicht nur für das historische Gemäuer, sondern nahm sich auch eine ganze Stunde Zeit, um mit einer Gruppe von Schüler (ohne Lehrer) über politische und andere Probleme und Sorgen der Schüler zu sprechen.

Kontakte nach außen und innen zu entwickeln und zu pflegen, war ihm stets wichtig. Schul­partnerschaften des Gymnasi­ums mit Schulen im Ausland, in Frankreich und in den Vereini­gten Staaten lagen ihm am Her­zen. Er selbst unterstützte und förderte sie und ließ sich auch von Rückschlägen nicht entmuti­gen. Die Schulpartnerschaft mit dem Adam-Mickiewicz-Lyceum in Krakau geht ganz wesentlich auf seinen Einsatz zurück. Er selbst fuhr mit einer Delegation nach Krakau, lotete die Möglich­keiten einer Partnerschaft aus und kam mit der Vereinbarung eines Zweijahresaustauschs zu­rück. Dieser Austausch wurde ein großer Erfolg.

Wie sein Vorgänger pflegte er den Kontakt zum Forschungs­zentrum Jülich. Durch Zusam­menarbeit mit dem Vorstands­vorsitzenden Prof. Dr. Joachim Treusch kam es zur Einrichtung einer Schülerarbeitsgemein­schaft „ Praktische Elektronik“, die sich zu einer Erfolgsnummer entwickelte [13]. Daraus entstand später die Idee des JULAB (Jü­licher Schülerlabor im FZJ), das regional und überregional von zahlreichen Schulen gerne genutzt wird. Auch Prof. Bachem, der Nachfolger von Prof. Treusch, besuchte am 22.9.2007 die Schule und sagte zu, die guten Kontakte, die sich zwischen FZJ und Schule entwickelt hatten, zu pflegen und auszubauen [14].

Höhepunkt im Außenkontakt war sicher der Besuch des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 1.4. 1993 in der Zitadelle. Ein Schüler hatte den Kontakt zum Staatsoberhaupt hergestellt. Dem Ruf der Schule nutzte dieser Besuch, der in der Öffentlichkeit eine breite Resonanz fand [15].

Ebenso unterstützte der Schulleiter Kontakt­pflege im Innenbereich. Die Tradition der Weihnachtsbasare, der Tage der Offenen Tür und der Elterninformationsveranstaltungen wurde fortgesetzt. Unterstützt wurden auch die großen Ehemaligentreffen (2005 und 2010). Neu hinzu kamen regelmäßige Tanzabende von Lehrern und Schülern – geleitet von Frau Gündel -, die auf seine Anregung zurückgehen und bis heute ein dankbares Publikum finden.

Dass dem fast immer im Rheinland lebenden Schulleiter der Karneval eine wichtige Sache ist, wird nicht verwundern (s. Bild links). Die Karnevalssitzungen an Weiberfastnacht für die gesamte Schule mit eigenem Programm in der Turnhalle der Nordschule bleiben ein Erfolg. Schulleiter Reichard förderte diese Veranstal­tung und war dort auch stets passend kostü­miert anzutreffen.

Der Schulleiter und der Schulträger

Um stolz auf seine Schule sein zu können, musste diese in jeder Hinsicht bestens auf­gestellt sein: in der Ausstattung mit hoch qualifizierten Lehrern, im Pflegezustand der Gebäude, in der Einrichtung der Klassen und Fachräume mit modernsten Me­dien. Bei seinem Lieblingskind, der Informatik, verließ er sich nicht auf den Schul­träger, sondern war selbst aktiv. Für ihn besitzt die Informatik eine Schlüsselrolle, denn das „Fach vermittelt grundlegendes Wissen darüber, wie Rechner funktionie­ren. Schüler lernen Methoden der Problemlösung kennen, die im Alltag und in den Wissenschaften bedeutsam sind“ [16]. Die moderne Ausstattung und Einrichtung von zwei Multimediaräumen geht sehr stark auf seine Initiative zurück, zur Finanzie­rung und Einrichtung spannte er den Förderverein ein, gewann in erheblichem Maße Sponsoren und nutzte die Arbeitskraft von Hausmeister und ehrenamtlich tätigen Eltern und Lehrern.

Vom Schulträger erwartete er schnellste Durchführung von Reparaturen, Ersatz von defekten Geräten, Sanierung der Räume, hohen Sauberkeitsstandard und natür­lich genügend Schulraum. Lange Mängellisten und Wunschlisten landeten auf dem Schreibtisch von Schulamt und Hochbauamt. Und natürlich ging es ihm öfter nicht schnell genug mit der Erfüllung seiner Wünsche [17]. Wenn auch scherzhaft, aber doch mit einem ernsten Kern äußerte er

Der Schulleiter als Bauherr: Zum Lachen war ihm dabei nicht immer zumute.

einmal: „Mit wehmütigem Scherz erkläre ich gern, warum der Schulträger so heißt. Nicht etwa, weil er die Schule trüge, sondern weil er noch träger sei als träge.“ Folgerichtig bekennt er zum Abschied: „Ich freue mich auch auf eine schulträgerfreie Zukunft“ [18]. Dies erschien dem Verfasser, der als Stadtverordneter auch zum Schulträger ge­hört, zuweilen als etwas undankbar, zumal hohe Beträge in die Schule investiert wurden und die kleine Stadt Jülich noch mehrere andere Schulen versorgen muss.

Das Gymnasium hatte Glück: Was für die Finan­zen der Stadt eine Katastrophe war, nämlich das PCB-Problem im Nord-und Südflügel sowie im Institut, war für die Schule ungeachtet aller Be­lastungen, die die aufwendige Totalsanierung mit sich brachte, ein Glücksfall. Praktisch alle Klas­senräume und die Fachräume im Institut wur­den mit großem finanziellem Aufwand nahezu entkernt, neu eingerichtet und auf den technisch neuesten Stand gebracht.

Schulleiter auf einer Dauerbaustelle

Die Zitadelle ist und bleibt wohl eine Dauerbaustelle und die Schule auch. Die meis­ten seiner 16 Dienstjahre waren erfüllt von Baustellenlärm, von Staub, von Beein­trächtigung der Nutzbarkeit von Räumen und ganzen Schulflügeln. Und Aufgabe des Schulleiters war es, in ständigem Kontakt mit der Verwaltung und den Baufirmen dafür zu sorgen, dass der Unterrichtsbetrieb möglichst wenig gestört wurde und dass die Arbeiten im Sinne der Schule bestens ausgeführt wurden.

Die Zahl der Bau­maßnahmen zwischen 1991 und 2007 war beachtlich, deswegen werden hier nur die wichtigsten aufgezählt:
Totalsanierung des Südflügels Totalsanierung des Nordflügels
Totalsanierung des Instituts Baumaßnahmen am Ostflügel (Schloss)
Bau einer Brücke über den Wallgraben Einbau einer Heizung.
Neubau eines Gebäudes am Probst-Bechte-Platz

Besonders der Neubau beanspruchte den vollen Einsatz des Schulleiters, nicht allein wegen der Planungen über Gestaltung und Ausstattung der neuen Räume, sondern auch wegen des Standortes. Da er einen Neubau im Innenbereich der Zitadelle wünschte und die negativen Folgen einer weiteren Ausgliederung von Klassen und Fachräumen fürchtete, verbunden mit langen Wegen zwischen den Gebäudeteilen, kämpfte er gegen die politische Mehrheit im Stadtrat, die wegen des Denkmals einen Neubau außerhalb der Zitadelle wünschte. Offensiv setzte sich Reichard für einen Neubau in der Zitadelle ein, korrespondierte mit den Parteien. Zweimal war der Regierungspräsident (Antwerpes, Rother) in Jülich vor Ort. Reichard: „Wir wollen eine nahe und pädagogisch gute Lösung und natürlich auch eine baldige. Ich werde die Aufteilung nicht hinnehmen.“ [19] Doch der Einsatz war vergeblich, die Entscheidung fiel gegen den Wunsch der Schule und der Neubau außerhalb der Zitadelle wurde am 15.6. 2004 übergeben.20

Kurioses und Menschliches

Ein Schulleiter von heute verschanzt sich nicht in seinem Amtszimmer, abgeschirmt durch seine Sekretärinnen, sondern sucht möglichst oft den Kontakt mit Lehrern, Schülern und Eltern. So oft es ging, erschien er im Lehrerzimmer, hielt Sprechstunden, konferierte in vielen Gremien. Zu Recht bezeichnet ihn Obiera als einen „Freund des Gespräches“. Dafür nahm er sich immer Zeit und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme seiner Gesprächspartner. [21] Er zeigte sich als ein Freund des Wortes, als Freund der Rede und konnte ausgiebig – zuweilen auch etwas zu ausgiebig – referieren, zuweilen mit der Sprache spielend. Überhaupt besitzt er ein intensives Verhältnis zur Literatur und überraschte seine Schule mit literarischen Beiträgen und Bearbeitungen von Literatur aus seiner Feder, z.B. „Die Toten der Kriege“, ein „Vater unser“ (Anlass war der Tod eines Schülers [22]), die Möwe Jonathan und eine Bearbeitung von Platons Phaidon [23]. Manche bescheinigen ihm einen zuweilen etwas pastoralen Ton und Habitus, auf den dann auch im Abschiedsgeschenk später Arno Schlader () mit seiner Figur scherzhaft Bezug nehmen sollte (s. Bild oben). [24]
Statt der gewohnten Tischglocke, die sonst in den Konferenzen in Aktion trat, wenn der Geräuschpegel zu hoch wurde, erfreute Reichard seine zunächst überraschten Kollegen mit Zimbeln (Klangschalen), die mit ihrem melodischen Klang die Zuhörer wieder zur Ruhe bringen sollten.
So markant wie diese Form der Konferenzgestaltung war auch bisweilen sein Outfit. Entsprechend der Jahreszeit erschien er oft im weiten Umhängemantel in Loden, stark erinnernd an süddeutsche Trachtenmoden. Ein passender Hut vervollständigte die im Rheinland eher etwas fremde Garderobe. Heinz Kräling, sein Vertreter, sin¬nierte zum Geburtstag des Schulleiters darüber, ob er ihm passend zu dieser Hirtenkleidung nicht noch einen Hirtenstab schenken sollte.

Reichard als Pensionär und Privatmann

In der Zeit als Leiter einer so großen Schule mit manchen Problemen kam das Privatleben zwangsläufig zu kurz, denn an eine 36-Stundenwoche konnte er nicht denken. Trotzdem blieb ihm Zeit für manches Hobby, allen voran die Liebe zur Fotografie. Auf zahlreichen Schulveranstaltungen erschien er mit Kamera und hielt wichtige Momente im Bild fest. Seine Leidenschaft für die Informatik inspirierte ihn dazu, seine Kollegen und Schüler hin und wieder mit neu ersonnenen Formularen zu erfreuen.
Weniger bekannt dürfte sein, dass er ein ausgesprochener Freund klassischer Musik und der Oper ist, hier vor allem der Werke von Mendelssohn, Wagner und Mahler [25].
Da der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter inzwischen auch Opa von 4 Enkeln ist, werden diese sicher sein Privatleben bereichern.
Aber wer glaubt, damit schon den Privatmann und Pensionär beschrieben zu haben, irrt gewaltig: Peter Joachim Reichard lassen auch im Ruhestand die Themen Schule und Erziehung nicht los. Er ist und bleibt, wie man seiner Homepage entnehmen kann, auch jetzt ein Mann des Wortes und der Feder. Regelmäßig verfasst er Publikationen zu so unterschiedlichen Themen wie Bildung und Erziehung, Computer und Technik, Sprache und Literatur, Politik und Gesellschaft, Wissen und Glauben. Die Beiträge erscheinen unter dem Pseudonym „Peter Denker“. Seine Devise vom lebenslangen Lernen wird von ihm selbst also intensiv praktiziert. Er plant auch ein größeres Werk zum Thema „Schule des Bewusstseins“. Darin geht es um seine Grundüberzeugung, dass Erziehung ein bewusstseinsbildender Prozess sein müsse und dass das Ziel aller Erziehung die Persönlichkeit sein müsse, die von ihrer Freiheit aus Einsicht verantwortlich Gebrauch macht. [26]

 

Die Redner bei seiner Verabschiedung im Jahre 2007 haben wohl in der Summe ein zutreffendes Bild von ihm gezeichnet, wenn sie sagten: Ein Schulleiter
mit Menschlichkeit, mit Format, Ecken und Kanten (Toni Mülfarth, Förderverein),
mit Gradlinigkeit und Hilfsbereitschaft (Stephanie Wiederholt, Schulpflegschaft),
der ein bestens bestelltes Haus hinterließ (Wolfgang Gunia, Schulträger). [27]

Quellen zu diesem Beitrag:
Beiträge von und über Reichard in den „Schulnachrichten“ seit 1991, seine Schulleiterberichte in der „Zitadelle“, die Berichte über Amtseinführung und Verabschiedung, Beiträge über ihn und von ihm in den Festschriften zu den Ehemaligentreffen 1997, 2005 und 2010. Zusätzliche Informationen erhielt der Verfasser von Reichard persönlich durch Mails am 19.10. und 23.11. 2011 . Angaben zur Vita und zu Aktivitäten als Autor wurden entnommen der Homepage www.p-r-j.de .

Anmerkungen
[1] SN ( = Schulnachrichten ) 99, Mai 2007 – [2] ebd. – [3] Schreiben Reichard vom 19.10.2011 – [4] Protokoll des Schulausschusses der Stadt Jülich – [5] Pressebeitrag Karl Stüber, abgedruckt: Festschrift 2010, S. 13 – [6] SN 79 – [7] Festschrift 1997, S, 3 – [8] SN August 98 – [9] Festschrift 2005, S. 4 und SN, Sonderausgabe August 1995, S. 10 – [10] Interview 1991, SN – [11] Zitadelle 1992, S. 9 und SN 99 – [12] SN 1, Sept. 1991 – [13] SN 99, Mai 2007 – [14] SN 98, 2007 – [15] SN 11, 1993 – [16] SN 11, 1993 – [17] SN 59, 2001 – [18] SN 99 – [19] SN 56, 2000 – [20] SN 76, 2004 – [21] SN 65 – [22] SN 88, S. 11 – [23] SN 88 – [24] Zitadelle 37 – [25] Nachricht Reichard vom 23.11.2011 – [26] Homepage Reichard – [27] Zitadelle 2008, S. 20