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Dr. Anton Kreuser

Leiter des Staatlichen Gymnasiums Jülich von 1901 – 1928
Kommunalpolitiker in der Stadt und im Kreis Jülich
Vorsitzender des Geschichtsvereines von 1923 – 1937

von Wolfgang Gunia


Die Würdigung des Mannes, der so lange als Schulleiter das Jülicher Gymnasium prägte, soll sich an den drei in der Überschrift genannten Aspekten seines Lebens und Wirkens orientieren. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf seiner Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter.

I  DER LEHRER UND SCHULLEITER
Lebensweg und Bildungsgang
In frühester Jugend schon verlor der am 24.Oktober 1862 in Köln  geborene Anton Kreuser seine Eltern und wurde nach deren Tod von seinem Onkel erzogen. Mit 18 Jahren machte er sein Abitur am Marzellengymnasium in Köln und begann mit dem Studium. Zunächst waren es theologische Studien, dann wechselte er zum Lehrfach und studierte die alten Sprachen Latein und Griechisch. 1888 promovierte er zum Doktor der Philosophie und begann als Probekandidat am Apostel-Gymnasium in Köln.1891 heiratete er
Elisabeth Bahlmann. Wir erfahren, dass es eine sehr glückliche Ehe war, die jedoch von schweren Schicksalsschlägen begleitet war, denn zwei Töchter starben schon früh, ein Sohn fiel im 1.Weltkrieg. 1892 begegnen wir ihm wieder als Oberlehrer am Gymnasium in Prüm in der Eifel. Dort erreichte ihn 1901 die
Ernennung zum Leiter des damaligen Königlichen Progymnasiums in Jülich. Am 1.Oktober 1901 trat er in Jülich seinen Dienst an und leitete diese Schule in guten wie in schweren Zeiten bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1928. (3) Er wohnte in dieser Zeit mit seiner Familie im neu errichteten Schulleiterhaus an der Neusser Straße , also direkt neben der Schule.(7)
Wichtige Ereignisse der Schulentwicklung fallen in seine Amtszeit:
1902 wird in das neue von der Stadt finanzierte Schulgebäude am Neußer Platz bezogen.
1905 fand die erste Reifeprüfung statt .Verbunden war damit die Anerkennung des Gymnasiums als
Vollgymnasium mit dem Namen „Königliches Gymnasium“. Nach dem Abitur wird Kreuser zum Gymnasialdirektor ernannt.
1912 begeht die Schule mit großem Aufwand und großer öffentlicher Teilnahme das 50jährige Bestehen
als Progymnasium ( 1862-1912). Der Schulleiter verfasst aus diesem Anlass eine längere Schrift zur Geschichte der Schule. Beim Festakt wird Kreuser im Namen seiner Majestät „in Anerkennung seiner segensreichen Wirksamkeit an der Anstalt“ der rote Adlerorden IV. Klasse verliehen.
1918 im letzten Kriegsjahr, erhält er das Patent zum „Geheimen Studienrat“, da gemäß einem kaiserlichen Erlass vom 27.Januar 1918 an den höheren Schulen neue Titel eingeführt wurdenund die Direktoren von da an den Titel „Geheimer Studienrat“ führten. (8)
1914 – 1923 steuert er das Schiff der Schule durch die schweren Kriegs-und Nachkriegsjahre. Viele Lehrer und Schüler tun Kriegsdienst , Notabitur , materielle Probleme, Besetzung von Schulraum durch französische und belgische Besatzungstruppen, Inflation und Schulgeldprobleme seien nur als Beispiele für viele Schwierigkeiten genannt, die gemeistert werden mussten.
1926 begeht Kreuser sein silbernes Dienstjubiläum als Schulleiter in Jülich Dieser Tag wird mit mehreren Veranstaltungen und großen Aufgabebot an Prominenz und öffentlicher Teilnahme gefeiert.
1928 am 31.3. 1938 tritt er in den Ruhestand. Bis zu seinem Tode am 02.9.1937 lebte er in Jülich.
Ein großer Trauerzug geleitete ihn vomKrankenhaus zum Friedhof auf der Merscher Höhe zur letzten Ruhe.
ERZIEHUNG  IM ZEICHEN des KREUZES, des  ADLERS
und der EULE
oder im Zeichen von Christentum, Vaterlandsliebe
und Wissenschaft
Bei der Einweihungsfeier des Schulgebäudes am Neusser Platz am 03.Januar 1902 hielt Schulleiter Kreuser eine programmatische Rede. In den Schulnachrichten 1901/02 kann man dazu lesen.“ Der Direktor gab die
Versicherung ab, dass das Lehrerkollegium es als seine heiligste Pflicht betrachte, in das stattliche Gebäude den Geist einzuführen, der für die gedeihliche Entwicklung der höheren Schulen unentbehrlich ist. Von der Notwendigkeit einer christlich-religiösen Grundlage für das Erziehungswerk ausgehend knüpfte er an
den preußischen ADLER an, der an der Hauptfront des Gebäudes in Stein gemeißelt prangt, sowie an die EULE, die über der Haupteingangstür in Schnitzwerk angebracht ist, um sich eingehender über die Vaterlandsliebe und Wissenschaft zu verbreiten. Die Feier schloß der Direktor mit einem Hoch auf Se. Majestät, den Kaiser und König.“(11)
Im gleichen Sinne äußerte sich der Direktor bei der großen Jubiläumsfeier im Jahre 1912. Entgegen den bei einigen Kreisen bestehenden Bestrebungen habe das Gymnasium die Aufgabe „ an dem alten Gottesglauben festzuhalten und wahre christliche Gesinnung zu pflegen“. (8)
Die Mehrzahl seiner zahlreichen Reden schloss er mit einem Hoch auf Kaiser und König, in der Weimarer Zeit mit einem Hoch auf das Vaterland. An Gelegenheiten zu Festreden, insbesondere zu Gedenktagen der
preußischen Geschichte und des Königshauses der Hohenzollern war kein Mangel.
Hier nur einige Beispiele:
Auch in der Weimarer Zeit setzte er die Tradition dieser patriotischen Reden fort:

[1]Kreusers Vaterlandsliebe, sein Patriotismus mögen aus heutiger Sicht teilweise befremdlich sein, aus damaliger Sicht entsprachen sie dem Zeitgeist. Wenn er am 01.August 1914 Schüler und Lehrer in der Aula versammelte und in seiner Ansprache auf die Unvermeidlichkeit des Kriegsausbruches hinwies und erklärte, das deutsche Volk könne im Vertrauen auf die gerechte Sache und die musterhafte Vorbereitung seiner Wehrkraft auf den Sieg hoffen (11), entsprach dies der Überzeugung der Mehrheit der Bevölkerung.
Wenn allerdings ein Mann seiner Bildung noch im März 1917 einen öffentlichen Vortrag über Deutschlands wirtschaftliche Stärke hielt und daraus folgerte, dass Deutschland aus eigener Kraft dem Ansturm der halben Welt trotzen und einen sicheren Endsieg erringen werde,  ist das schon kritischer zu sehen.
Seit Kriegsbeginn 1914 gab es am Jülicher Gymnasium eine „Kriegsstunde“. Dabei berichteten Schüler über die Ereignisse auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen und lasen Feldpostbriefe von Soldatenvor, insbesondere von ehemaligen Schülern.
Trafen Meldungen von großen militärischen Erfolgen ein, wurden alle in der Aula versammelt und auf die Bedeutung des Sieges aufmerksam gemacht . (11)
Man muss sehr  vorsichtig sein, wenn man in diesen Aktivitäten ausschließlich den Willen Kreusers sehen will. In den Schulberichten wird z.B. 1914  auf Erlasse  über die militärische Vorbereitung der Jugend und  über die Würdigung der kriegerischen Ereignisse im Unterricht hingewiesen. Teilweise war das also ein Pflichtprogramm,
das den Schülern geboten werden musste. (11)
Deutlich ist, dass für Anton Kreuser die Grundwerte und Ziele über die lange Zeit seines Wirkens in Jülich fast unverändert blieben. Zwischen seinen ersten Reden 1901, 1902 und 1903 und seiner Abschiedsrede im Jahre 1928 gibt es in den  grundsätzlichen Überzeugungen keine Unterschiede:
Das Gymnasium soll sein eine Stätte der Gottesfurcht, der Vaterlandsliebe und des wissenschaftlichen Arbeitens. An die Stelle des Königs-bzw. Kaiserhauses ist allerdings das Vaterland getreten.

VOM KLEINEN PROYGYMNASIUM ZUM GRÖSSEREN VOLLGYMNASIUM
VOM MARKTPLATZ ZUM NEUSSER PLATZ
VOM KÖNIGLICHEN GYMNASIUM
ZUM STAATLICHEN GYMNASIUM
Als Kreuser Schulleiter wurde, war die Schule noch Progymnasium  ohne Abiturberechtigung, in der Trägerschaft des preußischen Staates. Kreusers Vorgänger stellten die Weichen zum Wechsel der Trägerschaft von der Stadt zum Staat und vom Progymnasium zum Vollgymnasium.
Und an der Verwirklichung des Traumes vom Vollgymnasium hat Kreuser im Verein mit der Stadt intensiv gearbeitet.
Verbunden ist der Wandel zum Vollgymnasium ,natürlich auch als Folge der neuen Oberstufe mit einem kräftigen Anstieg der Schülerzahlen: Rund 150 Schüler waren es bei Kreusers Amtsantritt, über 300 bei seinem
Ausscheiden  aus dem Schuldienst im Jahre 1928. Die Schülerzahl hat sich also verdoppelt. Im Vergleich zu heute sind die Zahlen dennoch eher klein, immerhin besuchen heute das Gymnasium Zitadelle über 1000 Schüler, in Spitzenzeiten waren es mehr als 1500.
Verbunden mit dem Wechsel des Schulträgers und dem Ausbau zum Vollgymnasium war auch ein Standortwechsel: Von der Stadtmitte am Marktplatz zog die Schule um mehr an den Rand der Innenstadt in die unmittelbare Nachbarschaft des Krankenhauses. Der Schulneubau war jedoch nicht eine Folge des Wechsels des Schulträgers und des Ausbaues zur Vollanstalt, sondern genau umgekehrt: Die Stadt Jülich musste die neue Schule, ein Schulleiterhaus und eine Turnhalle auf eigene Kosten bauen, damit das Land die Trägerschaft übernahm und die Schule als Gymnasium anerkannte.
Der Wechsel des Schulträgers ist kein so gravierender Einschnitt, wie es zunächst scheinen mag: Königlich hieß ja preußisch und damit staatlich. Nach dem Kriege wurde dann „königlich“ durch „staatlich“  ersetzt, aber der Staat blieb nach wie vor Preußen.
1905 war ein großes Jahr in der Schulgeschichte: Wonach Prof. Kuhl seit seinem Amtsantritt am Progymnasium strebte, wurde Wirklichkeit: Der Schulleiter durfte den ersten zehn Abiturienten ihre Reifezeugnisse aushändigen. Erst nach der unter Aufsicht des Provinzialschulkollegiums abgehaltenen Reifeprüfung kam die ersehnte Anerkennung der Schule als Vollgymnasium vom Ministerium in Berlin. Ersehnt wurde das Schreiben vor allem von den Abiturienten, die nach abgelegter Prüfung fast einen Monat auf diese Anerkennung ihrer Reifeprüfung warten mussten. In dem Schreiben heißt es:
Der Minister Berlin Wb 4, den 28.Februar 1905
der geistlichen, Unterrichts-und Medizinalangelegenheiten
U II No 5491
Das bisherige Progymnasium in Jülich habe ich als Gymnasium anerkannt und wegen Aufnahme desselben in das nächste Verzeichnis der militärberechtigten Lehranstalten bei gleichzeitiger Löschung
des bisherigen Progymnasiums mit dem Herrn Reichskanzler mich in Verbindung gesetzt….

Im Auftrage gez. Althofff

Auf der zweiten Seite des Schreibens steht  der für die Abiturienten entscheidende Satz:
„ Den zehn Oberprimanern sind die Zeugnisse der Reife auszuhändigen.“ Meyer (10)

SCHULE UND ELTERNHAUS

[2]Stets legte Kreuser großen Wert auf ein gutes Verhältnis von Schule und Elternhaus, informierte die Eltern über Leistungserwartungen und Schulereignisse. Die Eltern wurden immer wieder ermuntert, sich auch zwischen den Schulzeugnissen über den Leistungsstand ihrer Söhne zu informieren.
Seit 1918 gab es gemäß einem Erlass des Kultusministers einen Elternbeirat, der auf Vorschlag des Direktors durch das Provinzialschulkollegium ernannt wurde. (8) An den Sitzungen nahm regelmäßig der Schulleiter teil. In den Schulberichten (z.B. von 1924/25) liest man dazu: „Mehrfach wurden Elternversammlungen einberufen. Jedesmal verbreitete sich der Direktor in seinem Vortrage über Erziehungsfragen und besonders über das Zusammenwirken von Schule und Elternhaus.“ So kann man 1913/14 in den öffentlich zugänglichen Schulnachrichten lesen: „Da der Erfolg unserer Arbeit an der uns anvertrauten Jugend durch ein einträchtiges Zusammenwirken von Schule und Elternhaus ganz wesentlich gefördert wird, so ist es wünschenswert, daß sich die Eltern öfter um Auskunft über Leistungen und Betragen ihrer Söhne an die Klassenleiter, Fachlehrer und den Unterzeichneten wenden..“ Weiter heißt es darin: „Die Schule erbittet dringend die Mitwirkung des Hauses zur Gewöhnung der Schüler an regelmäßiges und gründliches Arbeiten, an Pünktlichkeit und Pflichttreue…“
Diese Wünsche haben bis heute kaum an Aktualität verloren.
Von seinen Lehrern erwartete er, dass sie regelmäßig Hausbesuche bei ihren Schülern machten, um sich einen Einblick in die häuslichen Gegebenheiten zu verschaffen, Hausbesuche waren vor allem dort angezeigt, wo die Schüler außerhalb des Elternhauses in einem Kosthause wohnten, weil die damaligen Verkehrsverhältnisse eine tägliche Heimfahrt nicht zuließen.

SCHULLEITER UND PÄDAGOGE IN AKTION

Im Vergleich zu einem Schulleiter eines Gymnasiums heute erteilte Kreuser noch sehr viel Unterricht, nämlich zwischen 13 und 15 Wochenstunden. Er wählte für sich fast ausschließlich Klassen der Oberstufe aus und erteilte dort seine Fächer Latein und Griechisch. Selten auch Geschichte und Deutsch.
Sein Unterricht muss nach Schülerurteilen ein Erlebnis gewesen sein, und das bei aller Strenge und Arbeitsleistung, die er den Schülern abverlangte. Neben seinem allseits gelobten Fachwissen war es wohl seine Persönlichkeit und seine Einstellung zu seinen Schülern, die ihm besondere Hochachtung verschafften. Wenn Ehemalige noch Jahre oder Jahrzehnte, nachdem sie die Schule längst verlassen hatten, mit Begeisterung von ihrem Lehrer und Schulleiter sprachen, muss sein Wirken schon tiefen Eindruck hinterlassen haben. Dies sollen die später folgenden die Ansprachen von Johann Schopen und Hans Weingarten belegen.

Kreuser kümmerte sich um alles.
Ob er für die Lehrer ein angenehmer Schulleiter war, ist aus den Quellen nicht ersichtlich, ein bequemer war er sicher nicht.
Die Stellung eines Schulleiters war damals gegenüber den Lehrern eine deutlich stärkere. Die Konferenzprotokolle machen deutlich: Es wurde nicht diskutiert und demokratisch eine Meinung gebildet, sondern die Erlasse der vorgesetzten Behörden und die Meinung des Direktors wurden verkündet. Weiten Raum bei den Konferenzen nahmen Anweisungen des Schulleiters zu allem, was mit Schule zusammenhängt, ein: Nur einige Stichworte sollen dies deutlich machen:
Schulordnung, Schuldisziplin, Disziplinarfälle und richtige Bestrafung, Rügen im Klassenbuch, Schulstrafen , Strafarbeiten
Verhalten der Schüler gegenüber Mädchen
Verhalten der Schüler auf dem Schulweg und in den Pausen, in der Freizeit
Pünktlichkeit von Lehrern und Schülern
Notwendigkeit von Kontrollbesuchen der Lehrer in den Kosthäusern

Aber nicht nur Verhaltensmaßregeln für Schüler wurden erteilt, auch die Lehrer bekamen meist einiges mit auf den Weg: Klassenbucheinträge, Einhalten der Lehrpläne und Lektürepläne, Vorlage von Klassenarbeiten, Hausaufgaben, unterrichtliche Vorbereitungen in den Pausen und nicht in den Stunden, angemessener Wechsel der Unterrichtsmethoden waren Gegenstände von Kreusers Aufträgen an die Lehrer.
Da der Schulleiter sehr häufig Unterrichtsbesuche durchführte, wurden die Anweisungen gleich aus der praktischen Anschauung belegt, was für die betroffenen Lehrer sicher nicht immer angenehm war. Moniert wurden z.B.

Abweichungen von dem von der Fachkonferenz aufgestellten Lehrplan,
Stundenverlegungen ohne Rücksprache mit dem Schulleiter,
zu wenig Gebrauch von Anschauungsmitteln,
zu geringe Verteilung der Fragen auf alle Schüler

Was Kreuser aber wirklich bewegte, was ihm als Pädagoge wichtig war, kommt im Protokoll vom 20.10.1913 gut zum Ausdruck:
„Man möge der Jugend mit Liebe entgegentreten und ihr nicht mit Spott und Hohn begegnen, auch keinem Schüler Schwächen vor der Gesamtheit vorwerfen, sondern ihn allein vornehmen. Auch sei es unklug, einem Schüler zu raten, einen anderen Beruf zu ergreifen, da er nicht über seine Person verfügen könne, manchmal sogar gegen seinen Willen die Schule besuchen müsse.“

Bei seinen Schülern war Kreuser nicht nur geachtet, sondern auch beliebt. Im Schularchiv befindet sich ein Nachruf auf den 1937 verstorbenen Kreuser, verfasst von Dr. Weingarten. Darin heißt es: „In Dankbarkeit gedenke ich des Mannes, unseres damaligen Direktors und Ordinarius Dr. Kreuser …. (…) Unter Kreuser war der Schulbesuch eine Freude! Kreuser war wie ein Vater zu uns allen. Das sei ihm für immer gedankt.“ (10)

Am Grabe Kreusers sprach Rechtsanwalt Schopen, Abiturient von 1905:  „Wir, die früheren Schüler des Entschlafenen, empfinden mehr für ihn als Wertschätzung. Wir haben das Glück gehabt, jahrelang als seine Schüler zu seinen Füßen zu sitzen. (…) wir haben bald erkannt und gefühlt, daß uns ein Lehrer gesandt war, der über ein Wissen verfügte, das weit über das Normale hinausging, der dazu aber in ganz seltenem Maße die Gabe hatte, uns dieses Wissen zu vermitteln.“ (Rurblumen, 1937)

Erschütternd ist, wenn man die von Schulleiter Oskar Viedebantt am Grabe gehaltene Rede liest, durch die Kreusers Wirken propagandistisch vereinnahmt wird:

„Anton Kreuser war einer der Männer, die von der großen Bedeutung, dem hohen Ethos und von der gestaltenden Kraft des echten alten Preußengeistes tief durchdrungen waren, jenem Preußengeist, der da bedeutet uneigennützige, selbstlose, pflichttreue Arbeit für die Gesamtheit .. gewissenhafter , knallharter Dienst am Staat und Volk. (…) Und wenn Adolf Hitler, unser Führer, in seinem Volk ausdrücklich an die Arbeit der großen Preußenkönige anknüpft, so werden wir sagen dürfen, dass Anton Kreuser ihm die Wege vorzuzeichnen geholfen hat.“ (Presse. Kreusers letzte Fahrt, 4.9.1937)

SCHULLEITER ALS REPRÄSENTANT IN DER ÖFFENTLICHKEIT

Kriegszeit und Nachkriegszeit verlangten besonderen Einsatz von der Schulleitung. Lehrer wurden eingezogen oder meldeten sich freiwillig, ohne dass Ersatz kam. Reifeprüfungen standen unter dem Diktat von Sonderverordnungen, die alle nur das Ziel hatten, die Schüler möglichst schnell von der Schule zum Wehrdienst zu bringen.
Nach dem Kriege war das Schulgebäude von französischen/belgischen Besatzungstruppen belegt. Wie auch ab 1945 fand die Schule ein Unterkommen im Mädchengymnasium.
Bereits vor dem Kriege war seitens der Kongregation der Oblaten des Heiligen Franz von Sales an den Bau eines Konviktes für auswärtige Schüler gedacht worden. 1922 tauchen ähnliche Pläne in Linnich auf, wogegen die Stadt Jülich und der Schulleiter einvernehmlich protestieren, weil man sinkende Einnahmen infolge sinkender Schülerzahlen befürchtet. (5)
[3]„Zu zähen Verhandlungen mit der Stadt und den Stadtverordneten kam es, als an der Schule englischer Ersatzunterricht statt Griechisch eingeführt werden sollte. Schließlich teilen sich Stadt und Kreis die damit verbundenen Mehrkosten im Verhältnis 3:2 . Seit dem Schuljahr 1923/34 gab es dann diesen „Realzweig“. Seither konnten Eltern ihre Kinder bis zur mittleren Reife in Jülich lassen und brauchten sie nicht nach Düren zu schicken. Seitdem steht auf den Zeugnissen „Staatliches Gymnasium mit englischem Ersatzunterricht“. Versuche einflussreicher Kreise in der Bevölkerung in dieser Richtung gab es bereits in den Jahren vor Kriegsausbruch, doch scheiterten diese Bemühungen, weil die Stadtverordneten sich weigerten, zusätzliche zu den bereits bestehenden hohen Lasten für die Schule auf sich zu nehmen. (5) (8)
Durch Vermittlung des Gymnasialdirektors Dr. Kreuser wurde im September des Jahres 1924 erreicht, dass die Stadt für dieses Rechnungsjahr nur einen Zuschuss von 888 G.Mk zu zahlen hatte.“ Es ging um die Zahlungen der Stadt an das Land Preußen. Auch für die Folgejahre wurde der Betrag ermäßigt. (5)
Schulgeldfragen bildeten ein Dauerthema der Schule, da durch diese Einnahmen ein Teil der Kosten aufzubringen war. Ein besonderes Thema, das sich durch Konferenzprotokolle und Mitteilungsbücher wie ein roter Faden durchzieht, ist die Höhe des Schulgeldes im Zusammenhang mit der nach dem Kriege immer deutlicher werden Geldentwertung, die in die Hyperinflation von 1923 einmündete.
In immer kürzer werden Abständen wurde das Schulgeld erhöht und musste öfter unter Androhung des Schulverweises eingetrieben werden.

II. KREUSER ALS KOMMUNAPOLITIKER IN DER STADT UND IM KREIS

Vom Deutschnationalen zum Mann des Zentrums

Kreuser war ein Mann, bei dem zwischen Wort und Tat kein Unterschied bestand. Die Werte und Grundüberzeugungen für die er als preußischer Staatsbeamter in der Schule so wie in seinen Texten und Reden eintrat, seine Verehrung des protestantisch-preußischen Herrscherhauses der Hohenzollern, sein Patriotismus, seine „vaterländische Gesinnung“ waren ihm ernst. So wird es nur ein wenig überraschen, dass er sich als Deutschnationaler bekannte und dieser Partei auch angehörte. Eigentlich hätte man erwartet, dass er als überzeugter Katholik und Rheinländer sich eher dem katholischen Zentrum zuwenden würde, wie er es dann in der Weimarer Zeit, als es keinen König und Kaiser mehr gab, denn auch tat.
Zu seiner Parteizugehörigkeit im Kaiserreich gibt es eine sehr aufschlussreiche Quelle in der von Wilhelm Johnen, dem Landrat des Kreises Jülich nach dem 2.Weltkrieg, verfassten Reihe „Alte Familien des Jülicher Landes“(3). Kreuser und Johnen waren persönlich befreundet und arbeiteten – beide gehörten dem Zentrum an – noch bis in die ersten Jahre der Zeit des Nationalsozialismus – vertrauensvoll zusammen.
Kreuser erzählte dem 40 Jahre jüngeren Johnen seinen Lebenslauf und antwortete auf dessen Frage, wieso er denn in für preußische Verhältnisse schon sehr jungen Jahren Leiter eines Gymnasiums geworden sei, etwa folgendermaßen: Der preußische Staat habe damals Wert darauf gelegt, an den staatlichen Gymnasien Leiter zu haben, d.h. im katholischen Rheinland, die sowohl katholisch – aber auf der anderen Seite fest zum preußischen Königshaus standen. Der preußische Staat habe daher jüngere katholische Professoren gesucht, die als Mitglieder der Deutschnationalen Partei im katholischen Rheinland ihre Aufgabe für Staat und Kirche in einem bestimmten Geist erfüllen würden.
„Zwischen seiner Zugehörigkeit zu den Deutschnationalen im Kaiserreich und seiner Tätigkeit als Stadt-und Kreisverordneter des Zentrums gab es eine interessante politische Episode: Am Grabe Kreusers hielt Rechtsanwalt Johann Schopen, ein Abiturient des 1.Abiturjahrganges 1905 im Namen der Ehemaligen eine Ansprache. (Presseartikel : Dr. Anton Kreusers letzte Fahrt“) Darin heißt es: „Ich selbst bin Zeuge gewesen im November 1918, wie er gerade, aufrecht und mutvoll als deutscher Mann dem roten Arbeiter-und Soldatenrat mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit entgegentrat und die Interessen der Bürgerschaft schützte.“ Das bedarf näherer Erklärung, die Bers (1a)) liefert. Der Jülicher Arbeiter-und Soldatenrat, der sich wie fast überall in Deutschland im Zuge der Novemberrevolution gebildet hatte, lud – Bericht des Landrates an den Regierungspräsidenten Aachen, abgedruckt bei Bers – zu einer öffentlichen Versammlung in der Turnhalle des Gymnasiums ein. Die Halle war bis auf den letzten Platz besetzt. Kreuser als Hausherr war auch unter den Anwesenden, die sich hauptsächlich aus Arbeitern und Soldaten zusammensetzten. Es waren aber auch einige Bürger wie Kreuser dabei. Es sollten vier Ergänzungsmitglieder in den bereits bestehenden ASR gewählt werden. Hier ergriff nun auch Kreuser in der für ihn ungewohnten Versammlung das Wort, verwies auf einen Aufruf des neuen Reichskanzlers Friedrich Ebert, in dem er den Beamten die Mitarbeit im neuen Staat angeboten hatte. Kreuser verwies darauf, dass er sich durch eisernen Fleiß, aus kleinen Verhältnissen kommend, hoch gearbeitet habe und eine zahlreiche Familie von seinem Gehalt ernähren müsse, er könne also auch als Arbeiter gelten. Er muss dies so überzeugend vorgetragen haben, dass er in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt wurde. Seine Mitgliedschaft währte jedoch nur kurz bis Ende November 1918. (10)
Seine neue politische Heimat fand Kreuser in der Weimarer Zeit beim katholischen Zentrum und er setzte sich mit voller Kraft, so weit ihm seine Tätigkeit als Schulleiter dafür Zeit ließ, für seine Partei ein und übernahm verantwortungsvolle und viel Arbeit mit sich bringende Ämter und Funktionen. Schon Ende 1919 war er für das Zentrum im Jülicher Stadtrat und wurde immer wieder gewählt, letztmalig 1933.
Im Rat war er nicht nur einfacher Stadtverordneter, sondern wurde sehr schnell Fraktionsvorsitzender, zeitweilig war er auch Parteivorsitzender. Seine politische Arbeit blieb jedoch nicht auf die Ratsarbeit beschränkt, zum Ratsmandat kam ein Kreistagsmandat, zeitweilig war er auch Mitglied des Kreisausschusses und noch bis zu seinem Tode 1937 Kreisdeputierter. Da das Zentrum die meiste Zeit über eine absolute Mehrheit verfügte, war Kreusers Fraktion die entscheidende politische Kraft während der Weimarer Zeit.
Kreuser setzte seine politische Tätigkeit auch nach seinem Eintritt in den beruflichen Ruhestand unvermindert fort.
Wer in der Presse im September 1937 einen Nachruf seiner Partei für diesen verdienten Mann sucht, tut dies vergeblich . Nach dem Verbot von KPD und SPD lösten sich im Sommer 1933 die verbliebenen Parteien auf. So kommt es, dass Kreuser um die verdiente Ehrung durch seine Partei und die Stadt gebracht wurde. Lediglich der Landrat des Kreises Jülich widmete dem Kreisdeputierten, eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Kreisverwaltung, einen Nachruf, in dem das Wort Zentrum nicht auftaucht.

III DER HISTORIKER UND VORSITZENDE DES GESCHICHTSVEREINES

Obwohl von seiner Ausbildung her kein Historiker, sondern Altphilologe, eignete er sich dennoch ein umfassendes historisches Wissen an. Möglicherweise wirkte hier das Beispiel von Prof. Dr. Kuhl, seines berühmten Amtsvorgängers, motivierend. Als im Jahre 1912 die große „Feier des fünfzigjährigen Bestehens der berechtigten Anstalt“ (1862-1912) begangen wurde, ließ es sich Kreuser nicht nehmen, selbst eine 57 Seiten starke „Geschichte der Anstalt seit dem Jahre 1818“ zu verfassen, die 1913 als Beilage zu den Schulnachrichten gedruckt erschien.
Seit Amtsantritt verfasste er selbst die Jahresberichte der Schule für die vorgesetzte Behörde und die Öffentlichkeit, die jeweils auch gedruckt vorgelegt wurden. Heute sind diese Berichte eine sehr wichtige Quelle zur Geschichte der Schule. Darin findet man auch einen unterschiedlich ausführlichen Teil unter der Überschrift „Chronik der Schule“.
[3] Als 1923 auch in Jülich ein Geschichtsverein gegründet wurde, lag es aus mehreren Gründen nahe, Anton Kreuser zu bitten, den Vorsitz zu übernehmen. Josef Kuhl, einer seiner Amtsvorgänger, gilt als „Vater der Jülicher Geschichtsschreibung“.
Als langjähriger und allgemein geschätzter Schulleiter des Gymnasiums, als wichtiger Politiker auf Stadt und Kreisebene war Kreuser eine bekannte Persönlichkeit. Außerdem kam ihm wegen seiner ausgeprägten Vaterlandsliebe in der Zeit, in der das Rheinland und die Stadt Jülich sehr unter der Besatzung durch Franzosen bzw. Belgier litten, eine intensive Beschäftigung mit der nationalen Geschichte sehr entgegen.
Kreusers Wirken wurde seitens des Geschichtsvereins anlässlich des 75 jährigen Jubiläums in einer umfassenden Festschrift gewürdigt.
Deswegen sollen hier die Angaben zu seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Geschichtsvereines bis Anfang 1937 auf das beschränkt bleiben, was in seinem Nachruf steht.
„Der Verewigte hat seit der Gründung des Vereins bis zum Anfang dieses Jahres, als seine Gesundheit es ihm nicht mehr gestattete, das Amt des 1.Vorsitzenden mit großem Geschick verwaltet. Als Gelehrter mit umfassendem Wissen und als gründlicher Kenner der Landesgeschichte war er hervorragend geeignet, den Vorsitz zu übernehmen. Er hat sich von den Anfängen an große Verdienste um den Verein erworben…“
Konkreter auf sein Wirken geht ein Artikel in den Rurblumen vom 11. September 1937 ein unter der Überschrift „Der Jülicher Geschichtsverein an der Bahre des Geheimrats Dr. Kreuser“. Darin werden seine große wissenschaftliche Bildung, seine reichen Kenntnisse in der Geschichte der engeren und weiteren Heimat, seine Fähigkeit zu interessanten und motivierenden Gestaltung von Vortragsabenden, die Organisation von Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung, die Gewinnung von politischen Persönlichkeiten zu Vortragsabenden herausgestellt. „Ein Abend im Jülicher Geschichtsverein unter Kreuser war nie eine Niete.“

QUELLEN UND LITERATUR

Hinweis: Die im Text in Klammern gesetzten Zahlen verweisen auf die benutzte Literatur bzw. die Quellen.
(1.a-d) Bers, Günter: Der Jülicher Arbeiter-und Soldatenrat im November 1918, Beiträge 41, 1974
Ergebnisse der …..Wahlen, in Beiträge 43, 1976
Geschichte einer rheinischen Stadt, Jülich 1989
Straßenumbenennung in Jülich in der NS-Zeit, Beiträge 47, 1980
(2) Gunia, Wolfgang: Jülicher Geschichtsverein und Jülicher Gymnasiums. Ein Rückblick auf ein
75jähriges Zusammenwirken in: Jülicher Geschichtsblätter 67/68, 1999/2000, S. 49ff
(3) Johnen, Wilhelm: Alte Familien des Jülicher Landes, Heft VII, Jülich 1972, S. 187-192
(4) Jülicher Kreisblatt, „Das 25jährige Dienstjubiläum des Herrn Gymnasialdirektors Geheimrats
Dr. Kreuser, 04. Oktober 1926
Jülicher Kreisblatt 1917: 14.März, 19.März, 12.6., 20.6.,18.10.1917
(5) „Kintzenchronik“, Verwaltungsberichte der Stadt Jülich 1914-1932 (Stadtarchiv der Stadt Jülich)
(6) Kreuser, Anton: Die Geschichte der Anstalt seit dem Jahre 1818, Jülich 1913
(7) Lenzen, Elisabeth: Enkelin von Anton Kreuser, gab Hinweise zur Biografie Kreusers
(8) Lepper, Herbert: Das Gymnasium Jülich 1816 – 1945, Beiträge 42, 1975
(9) Rurblumen 1926, Nr. 40 und 1937, S. 284: Berichterstattung zum 25jährigen Dienstjubiläum und
zum Tode von Anton Kreuser
(10) Schularchiv des Gymnasiums: Protokolle der Lehrerkonferenzen seit dem Amtsantritt von Kreuser
im Jahre 1901 und andere Akten
(11) Schulberichte des Gymnasiums von 1901-1930 (Schularchiv)
(12) Weingarten, Hans „In memoriam Dr. Anton Kreuser“ in: Festschrift „Staatliches Gymnasium
Jülich 1905 – 1955