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Professor Dr. Joseph Kuhl

Rektor des Progymnasiums in Jülich von 1862-1896
Anmerkungen und Hinweise zum 100.Todestag





von Wolfgang Gunia

Joseph Kuhl hatte seit seinem Amtsantritt für seine Schule ein klares Ziel vor Augen, für das er sich unermüdlich einsetzte: Aus dem Progymnasium sollte ein Vollgymnasium werden, das zur allgemeinen Hochschulreife führen konnte. Für dieses Ziel setzte er sich im Kuratorium des Progymnasiums ein, für dieses Ziel kämpfte er gemeinsam mit dem Stadtrat und der Verwaltung. Für dieses Ziel verfasste er Eingaben und ausführliche Denkschriften an die zuständigen Ministerien. Da die Finanzierung der Schule die finanziellen Möglichkeiten der Stadt weit überstieg, wurde zugleich das Projekt verfolgt, den Staat Preußen als Schulträger zu gewinnen.
Kuhl begründete den Anspruch auf besondere Hilfe durch den Staat u.a. mit dem Hinweis auf den Festungsstatus der Stadt, der die Ansiedlung von Industrie vor den Toren der Stadt bis 1860 unmöglich gemacht hatte und so eine erhebliche Benachteiligung der Stadt im Wettbewerb mit anderen Städten bildete. Da die Stadt Jülich für die Verstaatlichung der Schule und den Ausbau zum Vollgymnasium zu erheblichen finanziellen und dauerhaften Opfern bereit war, erteilte Berlin 1897 unter Auflagen die Genehmigung zur Verstaatlichung des Progymnasiums, das damit Königliches Progymnasium wurde und 1901 die Genehmigung zum Ausbau als Vollgymnasium bekam, so dass 1905 die ersten Schüler ihr Abitur in Jülich ablegen konnten.
Dr. Kuhl war jedoch nicht mehr im aktiven Dienst, als sein Lebensziel für die Schule erreicht wurde, erlebte aber noch voll Freude, dass die ersten Abiturienten ihr Reifezeugnis erhielten. Seinem unermüdlichen Drängen und dem beachtlichen Opferwillen der Stadt war es schließlich zu verdanken, dass das doppelte Ziel erreicht wurde: ein Vollgymnasium in staatlicher Trägerschaft.
Daten aus dem Leben von Prof. Dr. Joseph Kuhl
1830 Joseph Kuhl wird am 15.Oktober in Koblenz geboren.
1851 Am Gymnasium in Koblenz erhält er das Reifezeugnis.
1855 Er promoviert an der Universität in Halle.
1855-1862 Kuhl unterrichtet an verschiedenen Schulen in Halle, Bonn und Düsseldorf.
1862 Er wird zum Rektor für das Jülicher Progymnasium gewählt. Er bekleidet dieses Amt vierunddreißig Jahre lang bis 1896.
1886 Für seine Verdienste um die Schule und seine schriftstellerische Tätigkeit wird ihm vom Ministerium der Titel „Professor“ verliehen.
1893 Ihm wird der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen.
1896 Sein schweres Augenleiden und ein Herzleiden zwingen ihn, den Antrag auf Pensionierung einzureichen.
1897 Am 1.April beginnt sein Ruhestand.
Am 27. September wählt ihn die Stadtverordnetenversammlung einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt.
1904 Die Stadtverordnetenversammlung beschließt, eine Straße, die „Kuhlstraße“, nach ihm zu benennen.
1906 Joseph Kuhl stirbt am 8.April in Köln- Ehrenfeld.
Im Mitteilungsbuch der Schule liest man unter dem Datum vom 12.Mai: „Samstag, d 12.5. morgens um 7 1/2 Uhr findet in der Annexkirche (morgens 7 1/2 Uhr) ein feierliches Seelenamt für den verstorbenen Direktor Prof. Dr. Kuhl statt. Auch die auswärtigen kath. Schüler sollen möglichst an der Feier teilnehmen. Die Herren Kollegen sind dazu freundlichst eingeladen.“
1930 Zum 100. Geburtstag ehrt der Jülicher Geschichtsverein Kuhl als Begründer der Jülicher Geschichtsschreibung am 4. Oktober durch einen Festakt sowie durch die Enthüllung einer Gedenktafel am Gebäude des ehemaligen Progymnasiums am Marktplatz.
1988-1990 Es erscheint ein Nachdruck seines bis heute grundlegenden Werkes zur Geschichte des Gymnasiums und der Stadt Jülich.

[1]

Das Lehrerkollegium des Jülicher Progymnasiums 1864






















Publikationen von Joseph Kuhl
Die Anfänge des Menschengeschlechtes und sein einheitlicher Ursprung (1875/ 76)
Die Deszendenzlehre und der neue Glaube, München 1879
Darwin und die Sprachwissenschaften, Leipzig/Mainz 1877


Zusätzliche Programmabhandlungen:
Quaestiones Homericae
Arya, der Ariername
Homerische Untersuchungen


Zu seinem wichtigsten Werk wurde seine „Geschichte der Stadt Jülich insbesondere des früheren Gymnasiums zu Jülich“ in vier Bänden, die von 1890 – 1897 erschienen.



ANMERKUNGEN

Frage: Wie schaffte Joseph Kuhl das alles?


Leitung seiner Schule
Erteilung von meist 12 Stunden Unterricht pro Woche und zwar überwiegend in den Korrekturfächern: Griechisch, Latein, Deutsch
Intensive wissenschaftliche Tätigkeit mit zahlreichen Publikationen auf sehr unterschiedlichen Wissensgebieten.
Sichtung und Auswertung einer kaum fassbaren großen Fülle von Quellenmaterial zur Geschichte des Gymnasiums und der Stadt Jülich
Mitarbeit im Kuratorium, dem Träger der Schule, als Leitungsorgan nach außen
Werbung um Schüler aus der Stadt und der Region, da das Schulgeld einen wesentlichen Teil der Einnahmen darstellte
Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung im Bemühen um Ausbau und Hochstufung der Schule zum Gymnasium und den Staat als neuen Schulträger
Oberhaupt einer großen Familie mit wohl 5 Kindern.
Versuch einer Antwort
Die Schule war verglichen mit heute sehr klein, auch wenn sie von 89 Schüler im Jahre 1862 auf 110 im Jahre 1897, dem Jahr der Pensionierung Kuhls, anstieg, mit der höchsten Zahl von 164 im Jahre 1869.
Das Kollegium umfasste nie mehr als 10 Lehrkräfte.
Die Klassen waren verglichen mit heute fast winzig und dementsprechend die Belastung durch Korrekturen gering. Außerdem endete die Schule mit der Jahrgangsstufe 10, es gab vor 1905 kein Abitur.
Nach der Aktenlage zu urteilen, war die Belastung der Schule durch bürokratische Aufgaben fast paradiesisch gering im Vergleich zu heute. Erheblich mehr als heute wurden die Lehrer durch eine sehr hohe Zahl von Konferenzen belastet. Diese dienten allerdings in hohem Maße der bloßen Verkündigung von Erlassen, der Feststellung von Noten und der Klärung von Disziplinarfällen.
Stärker als heute belastet waren Schulleitung und Lehrer durch von der Behörde angeordnete Schul- und Gedenkfeiern: Etwa zum Geburtstag von Kaiser und König, Ehe- und Regierungsjubiläen, Jahrestage von Kriegen und besonderen Ereignissen.
Kuhl wird in den vorliegenden Zeugnissen als immens fleißig, ausdauernd und ausgestattet mit einem ungeheuren Wissen gekennzeichnet.

Literaturhinweise:
Wer sich gründlich über das vielfältige Wirken und Schaffen von Joseph Kuhl informieren will, dem ist das im Frühjahr erscheinende Werk von Prof. Dr. Günter Bers, Abiturient des Jülicher Gymnasiums, Jahrgang 1961, zu empfehlen:
Günter Bers, Zwischen Tradition und Innovation: Prof. Dr. Joseph Kuhl ( 1830-1906), Wegbereiter der Jülicher Regionalgeschichte, 2006, 15Abb., 159 Seiten, Preis: 15 Euro.
Bd. 45 Forum Jülicher Geschichte