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Zehn preußische Heerführer gleichzeitig in der Zitadelle

 Der  ehemalige  „Ehrenhof“  im  Innenhof  des  Schlosses
Von Wolfgang Gunia

 
 
Wo heute vier schlichte Linden den Innenhof des Schlosses schmücken und bei heißem Sommerwetter Schatten und notfalls auch Regenschutz bei schlechtem Wetter bieten, sah es vor über hundert Jahren anders aus.

Abbildung aus den Rurblumen 1938 von der Feldherrenterrasse (heute Pädagogisches Zentrum)

Feldherrenterrasse am Standort des heutigen Pädagogischen Zentrums

Nach der Schleifung der Jülicher Festung 1860 zog eine Militärschule in die Räume in der Zitadelle ein. Die neue Jülicher Unteroffiziersschule sollte neben der bereits bestehenden Unteroffiziersschule in Potsdam den gestiegenen Bedarf an Unteroffizieren nach der Heeresreform decken helfen. Hier wurden junge Männer, die zugleich auch in der Zitadelle kaserniert waren, theoretisch und praktisch auf ihren Einsatz als Berufssoldaten vorbereitet. Da lag es nahe, wie es dem Zeitgeist entsprach, den jungen Soldaten als Vorbilder bedeutende preußische Heerführer in Form von großen Büsten ständig sichtbar vor Augen zu führen.

Wo kamen die Vorbilder für den Jülicher Ehrenhof her? Wen stellten die Skulpturen dar?
In Berlin wurden seit den achtziger Jahren im Zeughaus „Unter den Linden“ in einer Ruhmeshalle mit großen Büsten der Herrscher, Feldherren und bedeutenden Politiker der preußischen Geschichte gedacht. Unter einer Kuppel konnte man die preußischen Herrscher seit dem Großen Kurfürsten bewundern, in den Sälen an den Seiten des Kuppelbaus fanden in einer westlichen und einer östlichen Feldherrnhalle je sechzehn Heerführer ihren Platz. Die Auswahl der Persönlichkeiten nahm Kaiser Wilhelm I. persönlich vor, die erste Büste, die als Vorbild für alle dienen sollte, war die von Fürst Blücher. Die abschließende Verwirklichung des Projektes, das Anfang der 80er Jahre begann, zog sich aber über etwa zehn Jahre hin.

Feldherrentbüsten vor dem Portal der Schlosskapelle


Vier Skulpturen vor der Schlosskapelle zum Größenvergleich mit den abgebildeten Soldaten


 
 
Wie der Verfasser des Artikels „Die Ehrenhalle im Karreehof des Schlosses in der Jülicher Zitadelle“ in den „Rurblumen“ ( 2.Juli 1938) mit Recht vermutet, waren die Büsten, die im Schlosshof aufgestellt wurden, keine Originale, sondern „Abgüsse, welche den Ehrenhof des Berliner Zeughauses … zieren.

“Aus den im Zeughaus in Berlin zu betrachtenden Heerführern wurde eine den Vorstellungen und Bedürfnissen der Militärschule entsprechende Auswahl getroffen. Neben Kaiser Friedrich III., dem „Hunderttagekaiser des Jahres 1888, standen Skulpturen der folgenden preußischen Heerführer in der Zitadelle :
 

 
Die meisten von ihnen waren damals bestens bekannte Größen der preußischen Geschichte und manche Namen finden sich auch heute noch in den Geschichtsbüchern. Für die Unteroffiziersschule Jülich wurden zehn Heerführer und keine Politiker ausgewählt. Das passt zu einer Militärschule.Warum aber gerade diese zehn für den Ehrenhof in Jülich ausgewählt wurden, muss noch offen bleiben. Bei einigen lässt sich ein historischer Bezug zum Rheinland herstellen, bei anderen fehlt er.
Wann der Ehrenhof in Jülich mit den Büsten ausgestattet wurde, kann man in etwa erschließen. Die Herrscherhalle und die Feldherrnhallen im Berliner Zeughaus wurden erst nach 1888 fertig. Da in Jülich Abgüsse der Berliner Originale, die dort aus Bronze waren und auf Marmorsockeln standen, aufgestellt wurden, ist anzunehmen, dass sie Anfang der neunziger Jahre nach Jülich kamen. Auf einem Foto von 1892 sind sie bereits zu sehen.
Aus dem vorhandenen Bildmaterial kann man für den Ort der Aufstellung Folgendes rekonstruieren.
Fünf Büsten fanden ihren Platz einbezogen in eine niedrige Ziegelmauer, die den Innenhof ( damals : Ehrenhof bzw. Carreehof) im Bereich des heutigen Pädagogischen Zentrums zwischen dem Nord- und Südflügel nach Westen begrenzte. Die Büsten – dieser Bereich wurde „Feldherrenterrasse“ genannt – blickten in Richtung Schlosskapelle.
Fünf weitere Büsten standen vor der Schlosskapelle, und zwar je zwei rechts und links des Eingangs. Eine weitere fand an exponierter Stelle in der Mitte unter den Linden ihren Platz, gewissermaßen im Zentrum des Ehrenhofes. Hier handelte es sich um die Büste Kaiser Friedrichs III.
Aus den auf den Ansichtskarten neben den Büsten abgebildeten Soldaten, die sich daneben klein ausmachen, kann man erschließen, dass die Büsten mit Sockel wohl eine Höhe von 2,50- 3 Meter erreichten. Sie müssen gewaltig gewirkt haben. Dies bestätigt eine Schilderung von Werner Reinartz, der als Junge als Zeitungsbote sein Taschengeld aufbesserte. In seinen Jugenderinnerungen aus dem letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts schreibt er: „Vieles Neue stürmte da auf mich ein: Die krie¬gerischen Embleme der Steinmetzarbeiten … ., die große Sonnenuhr *,

Innenhof des Schlosses ohne Büsten im Jahre 1919

Sockel einer Büste mit Namen von Schlachtorten des 1. Weltkrieges (Oktober 1914)

die überlebensgroßen Köpfe großer Feldherren unter den Linden im Innenhof …“ ( Jülicher Heimatkalender … ) Wir dürfen heute nicht vergessen, dass die Zitadelle bis nach dem 2. Weltkrieg, eigentlich bis zur Fertigstellung des Gymnasiums Zitadelle, militärisches Sperrgebiet war, in dem Zivilisten normalerweise nichts zu suchen hatten. Nur an wenigen Tagen im Jahr war der Besuch im Kaiserreich ohne besondere Genehmigung gestattet.
Wo sind sie geblieben, die zehn Heerführer?
Auf einer Ansichtskarte des Innenhofes mit Poststempel 1919 ist weder von den Büsten in der Begrenzungsmauer noch vor der Schlosskapelle etwas zu sehen. Was war geschehen?
Deutschland hatte den 1. Weltkrieg verloren, das Rheinland war von französischen bzw. belgischen Truppen besetzt. In der Zitadelle, jetzt „Quartier Charlemagne“, nahmen französische und belgische Truppen Quartier. Es ist wahrscheinlich richtig, wie auch der Verfasser des Artikels in den Rurblumen vermutet, dass die Büsten entweder schon vor dem Eintreffen der Besatzungsmächte von den Deutschen beiseite geschafft oder von den Siegern entfernt oder möglicherweise zerstört wurden. Dazu passt eine Notiz des Leiters der Evangelischen Volksschule in der Schulchronik. Er berichtet, dass man vor dem Eintreffen der Siegermächte schnell alle Kaiserbilder aus den Klassenräumen entfernt habe.

Küche des belgischen Militärs am Standort des heutigen Pädagogischen Zentrums

Der Kaiser und die preußische Armee und mit ihr die exponierten Heerführern waren ja die Symbole dessen, was man im Kriege bekämpft hatte. Auch Alexander Stollenwerk beklagt passend zu dieser Annahme in seiner kleinen Schrift „Ein Gang durch die Jülicher Zitadelle“ (1931), dass von den im Zitadellenbereich aufgestellten Denkmälern Adler und Schrifttafeln in der Besatzungszeit abhanden kamen.
Dort, wo heute das Pädagogische Zentrum steht, wurde eine Truppenküche für die Soldaten errichtet.Ihm musste

Darstellung des Innenhofes von Stadtbaumeister Karl Andereya aus den 30er Jahren

die Feldherrenterrasse mit ihren fünf Skulpturen weichen. Auf einer zweisprachigen Ansichtskarte aus dieser Zeit (französisch und flämisch wegen der Belgier) erkennt man im Hintergrund den Küchenbau und auf einem großen viereckigen Steinsockel eine gewaltige Schale. Eine Inschrift weist auf den Truppenteil hin (8. Regiment de Ligne) und auf Schlachten des 1. Weltkrieges, an denen wohl dieses Regiment beteiligt war. Erkennbar sind „Eessen“ und „Tervaete“. Dies waren Schlachtorte in Flandern im Bereiche des Flusses Yser, wo im Oktober 1914 blutige und für die Deutschen äußerst verlustreiche Kämpfe geführt wurden. Weitere Schlachtorte an den Rückseiten des Sockels sind anzunehmen. Nach Form und Standort müsste es sich bei dem Sockel um den der Büste Kaiser Friedrichs III. in „Zweitverwendung“ handeln.
Aus der Zeit nach dem Abzug der Besatzungstruppen im Jahre 1929 stammt eine Zeichnung von Karl Andereya, der von 1923 bis 1942 Stadtbaumeister der Stadt Jülich war. Auf seiner Zeichnung vom Innenhof und der Fassade der Kapelle erhebt sich in der Mitte auch bei ihm wie in der vorhergehenden Besatzungszeit ein Sockel, auf dem eine allerdings anders gestaltete Amphore steht. Wahrscheinlich hat man nach dem Abzug der Besatzungstruppen im Jahre 1929 sehr schnell die Inschriften, die auf die fremden Truppen hinwiesen, entfernt.
Diese „großen“ Zeugen aus der preußischen Geschichte, der preußischen Militärgeschichte, sie waren zugleich eine Dokumentation des preußischen Geschichtsbildes, sind wohl endgültig verschollen. Ob wohl heute noch jemand etwas über den Verbleib der Zehn weiß? Wenn jemand hier Hinweise geben könnte, wäre das sicher interessant.
Quellen und Literaturhinweise:
Die Fotos stammen aus den Privatarchiven von Ralf Hertel (Jülich) und Wolfgang Gunia (Jülich). Die Informationen zur Ehrenhalle im Berliner Zeughaus wurden entnommen Heinrich Müller, Das Berliner Zeughaus, Berlin 1994. Die Hinweise zu den Namen der Heerführer fanden sich in der Rurblumen Nr. 27, Jahrgang 1938. Der Hinweis auf das Jahr 1892 fand sich im der Chronik „Jülich – Garnison der Unteroffiziersvorschulen und Unteroffiziersschulen“, 1981.

Standorte der Zehn Preussischen Heerführer

Wo die 10 überlebensgroßen Büsten geblieben sind, die bis zum Beginn der Besatzungszeit am Anfang der Weimarer Republik im Innenhof der Zitadelle standen, ist leider weiterhin unbekannt. In welchem Festungsgraben mögen sie von den Siegermächten entsorgt worden sein ?
Aber wo jeder der zehn seinen Platz hatte, ist nach einem Plan der Zitadelle aus der Zeit um 1900, den der Verfasser in einer Denkschrift der Vereinigung der Schul-gemeinschaft ehemaliger Unteroffiziersschüler und Unteroffiziersvorschüler fand, jetzt bekannt.

In Berlin, im heutigen Deutschen Historischen Museum (Unter den Linden), wurden in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts mehrere Ehrenhallen zum Gedenken an Größen der preußischen Geschichte errichtet. Es gab eine Herrscherhalle und eine östliche und eine westliche Feldherrnhalle mit je 16 Büsten. Kaiser Wilhelm I. persönlich suchte die Namen der 32 Feldherrn aus und bestimmte, welche Inschriften die Sockel der Büsten tragen sollten. Die Anordnung erfolgte nicht alphabetisch, sondern chronologisch. In der östlichen Feldherrnhalle fanden Feldherrn des 17. Und 18. Jahrhunderts ihren Platz, in der westlichen Feldherrn überwiegend des 19. Jahrhunderts. Ausgewählt wurden Feldherrn seit der Zeit des Großen Kurfürsten, also der Zeit, in der die preußische Expansion begann.
Während in Berlin 32 Feldherren der preußischen Geschichte geehrt wurden, waren es in Jülich nur 10. Es wurde also eine Auswahl getroffen. Gemäß dem Aufstellungsplan waren sie so positioniert, wie auf der Skizze auf Seite 104 zu sehen ist.
Zentral und allein unter den im Innenhof des Jülicher Schlosses befindlichen vier Linden fand Kaiser Friedrich III. seinen Platz (Nr. 1, s.re.).
Vor der Schlosskapelle standen rechts und links des Eingangsportals je zwei Feldherren. Sie waren ausgewählt aus den Militärs der westlichen Feldherrnhalle in Berlin. Hinter den Namen und Lebensdaten ist jeweils die Nummer der Aufstellungsposition in Jülich vermerkt, die sich auf dem abgebildeten Plan findet. Es handelt sich um:

Fünf Feldherrnbüsten standen in einer Reihe im Bereich des heutigen Pädagogischen Zentrums, ihre Vorbilder in Berlin hatten alle in der östlichen Feldherrnhalle ihren Platz. Es handelt sich um Offiziere, die in den Kriegen des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielten, also in den Kriegen gegen Napoleon und in den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71.

Für Jülich wurden also Militärs auch aus der Zeit ausgewählt, in der das Herzogtum
Jülich noch nicht zur preußischen Monarchie gehörte. Die Mehrzahl, nämlich sechs von zehn, lebte im 19. Jahrhundert, also nach 1815, als Jülich preußisch wurde.

Anmerkung: Die Holzschnitte der Militärs wurden entnommen:Fedor von Köppen, Die Hohenzollern und das Reich (4 Bände) o.J. Glogau – Bei der Abbildung von Blücher handelt es sich um ein Gemälde von Adolf Menzel.