Friedrich Sassenscheidt (Schüler)

von Dr. Peter Nieveler

Elf Jahre lang war die Stadt Jülich zwischen 1918 und 1929 von französischen, hauptsächlich aber belgischen Truppen besetzt. Und diese Besatzungszeit war eine harte Zeit. Zensur der Zeitungen und der Schulbücher war selbstverständlich, zeitweise gab es Ausgangssperren für die Nachtzeiten. Jülich litt vor allem unter Wohnungsnot. Den rund 9.000 Jülicher Bürgerinnen und Bürgern standen bis zu 4.000 Besatzungsangehörige gegenüber, die natürlich zum großen Teil in der Zitadelle und der Rurkaserne, der heutigen Straße am Aachener Tor, wohnten. Offiziere mit ihren Angehörigen waren in Bürgerhäusern einquartiert, deren Bewohner dafür zum Teil aus ihren Wohnungen vertrieben wurden. Und die Besatzungsmacht nahm sich nur das Beste. Die neu erbauten Häuser der Eisenbahn und des Jülicher Gemeinnützigen Bauvereins im Heckfeld, die für die Mitarbeiter des erst 1918 eröffneten Eisenbahnausbesserungswerks, des heutigen Systeminstandsetzungswerks in Jülich-Süd, gerade erbaut worden waren, und die Häuser der Leitenden Mitarbeiter dieses Werks an der Vogelsangstraße, die auch ganz neu waren, wurden von der Besatzung requiriert.

Jülicher Kreisblatt 27. Januar 1920

Dazu kam die politische Großwetterlage. Im Versailler Vertrag vom Mai 1919 erhielt Deutschland die Alleinschuld am Krieg. Große Gebietsabtretungen und riesige Reparationszahlungen weckten in der Bevölkerung Widerstands- und Rachegelüste. Fast niemand dachte mehr daran, wie die Deutschen wenige Jahre zuvor die von ihnen besetzten Gebiete geknebelt hatten.

Da traf am 24. Januar 1920 in Jülich am Eingang zur Promenade vom Walramplatz aus ein tragisches, nie ganz geklärtes Ereignis einen großen Teil der Jülicher Bevölkerung ins Herz. Der erst wenige Monate zuvor aus der Kriegsge-fangenschaft zurückgekehrte städtische Verwal-tungsangestellte Friedrich Sassenscheidt wurde im Beisein seiner Cousine auf einer Parkbank erschossen. Obwohl der Täter nie wirklich ermittelt wurde, auch nie eine richtige polizeiliche Untersuchung stattfand, war nach Aussage der wohl auch unter Schock stehenden Begleiterin des Fritz Sassenscheidt ein Marokkaner der französischen Besatzungstruppen der Schuldige. Er hatte die beiden Deutschen belästigt und dann fliehend auf Sassenscheidt geschossen und ihn am Kopf getroffen.

Friedrich Sassenscheidt wohnte bis zu seinem Tod bei seinen Eltern in der Römerstraße 41. Das Haus hat den Zweiten Weltkrieg überstanden und wird von der Familie auch heute noch bewohnt. Nach einem im Archiv des Gymnasiums Zitadelle der Stadt Jülich vorhandenen Schülerverzeichnis des damals noch königlichen Gymnasiums für die Jahre 1895 bis 1911 trat Fritz Sassenscheidt 1908 in die Sexta der Schule ein.

Jülicher Kreisblatt 27. Januar 1920

Der Vater Ludwig Sassenscheidt war Lokomotivführer. Solidarisch stellte sich das ganze Eisenbahnausbesserungswerk nach dem tragischen Tod seines Sohnes hinter ihn. Vor dem Rathaus gab es eine Großdemonstration, und am Tag der Beerdigung blieben zum Zeichen der Trauer nachmittags die Geschäfte geschlossen. Der kommandierende General der Besatzungs-truppen versprach die Aufklärung des Falles, und bei strömendem Regen wurde der Sarg von der Römerstraße abgeholt und durch die von Besuchern dicht gesäumte Kölnstraße zum Ehrenfriedhof an der Linnicher Straße gebracht, wo sich das Grab heute noch befindet.

 

Quellen und Literaturhinweise

Stadtarchiv Jülich Fotos und Zeitungen
Archiv des Gymnasiums Zitadelle der Stadt Jülich, Schülerverzeichnis 1895 bis 1911
»Frei das Jülicher Land!«, Erinnerungsschrift zum Befreiungstag, 01. Dezember 1929, Sonderausgabe der Rurblumen, der Heimatbeilage des Jülicher Kreisblatts, Neuausgabe der St. Antonii- et Sebastiani Schützenbruderschaft Jülich, Hg. Wilhelm Johnen, 1969
»Freiheit, Heimat, Vaterland 174«, Die Befreiungsfeier der Stadt Jülich 1929, Eine Dokumentation. Hg. Günter Bers, Joseph-Kuhl-Gesellschaft, 1990